HZD inform, Magazin für die hessische Landesverwaltung
Schüler als Energieexperten
Friederike van Roye (HZD)
„Wahlpflichtunterricht Energieagentur“ an der Alexander von Humboldt Schule (AVH) in Viernheim, das bedeutet ein Stück weit auch Unternehmer zu werden, mit echten Euro umzugehen, Projektideen und tragfähige Konzepte zu entwickeln - und diese auch umzusetzen. Es gilt mit Banken zu verhandeln, Kredite zu beantragen und Verträge mit Schule und Schulträger aufzusetzen. Das alles machen die Schülerinnen und Schüler, wenn es gut läuft, weitgehend selbständig, berichtet Steffen Grimm, Leiter der Energieagentur und Lehrer an der AVH.
Was die Schule mit diesem Konzept schon auf die Beine gestellt hat, kann sich sehen lassen. Auf dem Dach der Schule produzieren Photovoltaikzellen rund 10.000kWh Strom im Jahr, das entspricht in etwa dem jährlichen Strombedarf von drei Haushalten (mit jeweils drei Personen). Eine erstaunliche Energieeinsparung bewirkte der Einbau bzw. Austausch von Thermostatventilen in Kombination mit dem richtigen Verhalten beim Heizen und Lüften. Um den richtigen Umgang mit Heizung und Licht zu gewährleisten, werden an der AVH in jeder Klasse „Energieagenten“ gewählt. Das ist so selbstverständlich wie die Wahl der Klassensprecher. Diese werden von der Energieagentur unterwiesen, wie in den Klassenräumen richtig geheizt und gelüftet wird und sind außerdem für Ein- und Ausschalten der Beleuchtung verantwortlich. Das Ergebnis hat selbst die Initiatoren des Projekts verblüfft: Über 10 Prozent Heizenergie werden seit der Umsetzung dieses Konzepts 1995 jedes Jahr eingespart.
Angefangen hatte alles im Jahr 1993, als einige engagierte Lehrer und Schüler darauf aufmerksam wurden, dass die Gasheizung der Schule auch im Sommer läuft, um das warme Duschwasser für die Turnhalle zu stellen und dabei sehr viel Energie verloren geht. Daraufhin machten sie sich für die Installation einer Solarwarmwasseranlage stark. Allein die Finanzierung war schwierig. Um bei zukünftigen Projekten finanziell unabhängiger zu sein, gründeten sie die Energieagentur AVH e.V., ein Verein, der nach Absprache mit dem Kreis Energiesparprojekte plant und finanziert. Das funktioniert grob gesagt so: 80% der eingesparten Energiekosten werden dann vom Kreis der Energieagentur über eine bestimmte Laufzeit zur Verfügung gestellt und dienen zur Refinanzierung der vorgelegten Kosten. Die Laufzeiten werden dabei für jedes Projekt so gewählt, dass die Investitionskosten der einzelnen Projekte sicher gedeckt sind. Mögliche Überschüsse aus diesen Rückzahlungen für die Energieagentur sind gewünscht und werden für weitere Energiesparprojekte genutzt. Es entsteht ein Selbstläufer. Dieses Konzept ist so erfolgreich, dass die Energieagentur nicht nur in zahlreichen Medienberichten vorgestellt wurde, sie gewann auch etliche Preise. Diese Preisgelder nutze sie, um auch außerhalb der Schule zu investieren und beteiligte sich am Bau von drei Windkraftanlagen bei Ingelheim.
Für Steffen Grimm liegen die Vorteile der Energieagentur klar auf der Hand: Die Schülerinnen und Schüler erwerben neben energietechnischem Know-how auch betriebswirtschaftliche Fähigkeiten, die sie für Ihr späteres Berufsleben nutzen können. Sie lernen im Team zu arbeiten und beteiligen sich aktiv an der Bewältigung unserer Zukunftsprobleme. In der Zwischenbilanz von Oktober vergangen Jahres ist der Erfolg schwarz auf weiß nachzulesen: Über 325.000 kWh Strom und 650 Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid konnten seit 1993 eingespart werden. In Euro stehen sich bisher Investitionen von rund 123.000 € und Rückflüsse von 140.000 € gegenüber. Der Vorteil: Die Einsparungseffekte bleiben langfristig erhalten, auch dann noch, wenn die Investitionskosten schon lange getilgt sind. Die Bilanz verschiebt sich immer mehr in den positiven Bereich.
Das Konzept macht mittlerweile Schule. Inzwischen gibt es allein im Kreis Bergstraße an drei weiteren Schulen Energieagenturen. Weitere sind in der Region im Entstehen. Die beteiligten Schülergruppen und ihre Lehrerinnen und Lehrer treffen sich regelmäßig zum Austausch von Erfahrungen und haben einen „Dachverband der Energieagenturen an Schulen e.V.” gegründet. Über das Projekt „100 Schulen für den Klimaschutz“ könnten es in Zukunft noch deutlich mehr werden. Was die eigene Schule angeht, geht der Energieagentur AVH auch in Zukunft die Arbeit nicht aus, versichert Steffen Grimm: „Wir haben jedenfalls noch deutlich mehr Ideen als wir umsetzen können“.