Hessen aktiv: 10.000 Bürgerinnen und Bürger für den Klimaschutz

 

Palmen im Taunus?

Mildere Winter, wärmere Sommer: Hessen kann sich auf tendenziell schöneres Wetter einstellen. Darüber wird sich allerdings nicht jeder freuen.

Soviel vorweg: Mit den Palmen könnte es schwierig werden. Denn zwar werden nach den Prognosen der Klimaforscher die Winter deutlich milder und kürzer und die Zahl der Frosttage nimmt stark ab. Leider reicht aber eine einzige klirrend-kalte Nacht, um dem Traum vom heimischen Palmenhain ein Ende zu bereiten. Und der Frost wird sich auch zum Ende des Jahrhunderts nicht ganz aus Hessen verabschieden.
Trotzdem dürfen wir Normalbürger uns ganz vorsichtig auf schöneres Wetter einstellen: Schon heute setzt der Frühling in Hessen durchschnittlich 14 Tage früher ein als im Vergleichszeitraum 1961 bis 1991. Das bemessen die Meteorologen an der Entwicklung der Vegetation, etwa der Blütezeit von Haselnuss und Schneeglöckchen. Deren Aufblühen markiert den Vorfrühling.
Und bis Mitte des Jahrhunderts wird beispielsweise im Giessener Raum das Frühjahr noch einmal acht Tage früher beginnen.

Zugleich klettert nach den Erkenntnissen des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie das Thermometer bis 2050 im Jahresmittel um 1,8 Grad. Dieser Temperaturanstieg verteilt sich allerdings ungleich auf die Jahreszeiten: Der Winter wird um durchschnittlich drei Grad wärmer, Frühling und Sommer nur um rund 1,5 Grad, während der Herbst annähernd so kühl bleibt, wie er ist. Mit dem Wintersport könnte es zukünftig also schlecht aussehen; dafür können wir uns im Frühling und Sommer über eine halbe bis ganze Sonnenstunde mehr pro Tag freuen.

Umgekehrt heißt das aber auch: Im Sommer regnet es weniger als heute, und wenn es regnet, dann schüttet es richtig. Den Landwirten und Waldbesitzern bereitet diese Entwicklung wenig Freude. Hitze und Trockenheit werden die Ernten schmälern und den Buchen- und Fichtenforsten schwer zu schaffen machen. Sommerliche Gewittergüsse helfen dagegen wenig. Der ausgetrocknete Boden kann so große Wassermengen auf einen Schlag gar nicht aufnehmen. Im Nordosten und im Mittelgebirge wird sich diese Entwicklung stärker bemerkbar machen als im Süden.

Schon heute kämpfen Landwirte im Hessischen Ried, einer 1200 Quadratkilometer großen Ebene zwischen Rhein, Main und Odenwald mit der Trockenheit. Ohne Bewässerung würde auf vielen Feldern gar nichts wachsen. Denn schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gingen die sommerlichen Regenfälle spürbar zurück, und der Durst der Großstädte im Rhein-Main-Raum, die das Grundwasser anzapften, ließ dessen Pegel weiter sinken. Künftig wird der Trinkwasserverbrauch im Hessischen Ried wohl noch weiter zunehmen, da die Landwirte wegen der sinkenden Niederschlagsmengen noch mehr bewässern müssen.
Forscher der Uni Kassel berechneten, dass überall, aber vor allem in Mittelhessen, spürbare Ertragseinbußen in der Landwirtschaft drohen. Speziell der Raps wird schlechter gedeihen. Allerdings können die Bauern dieses Problem durch Anpflanzung von Sorten lösen, die besser an ein warmes, sommertrockenes Klima angepasst sind, wie sie etwa heute in Südeuropa gedeihen. Zudem könnte die Erwärmung für sie auch Chancen mit sich bringen – etwa den Anbau ungewohnter, wärmebedürftiger Nutzpflanzen. Nicht zuletzt könnte der Hessische Wein in Zukunft anders schmecken, mehr Alkohol und weniger Säure enthalten.

Paradoxerweise wird übers ganze Jahr gerechnet in Zukunft genauso viel Regen niedergehen wie heute, denn im Winter werden 25 Prozent mehr Niederschläge fallen als heute. Dann führen die Flüsse wesentlich mehr Wasser – und treten öfter über die Ufer. Betroffen sind vor allem die Flusssysteme Lahn, Nidda und Fulda, während an Eder und Diemel nicht so sehr mit Hochwasser zu rechnen ist. Im Sommer hingegen werden sämtliche Flüsse einen niedrigen Pegelstand zeigen als heute und damit Schifffahrt und Kraftwerke, die Kühlwasser brauchen, vor Probleme stellen.

Unter dem wärmerem Klima leiden jedoch nicht nur Landwirte, Binnenschiffer und Kraftwerksbetreiber, sondern auch ältere und kranke Menschen. Denn die kommenden Hitzewellen werden unter ihnen Opfer fordern. Im Rekordsommer 2003 sind in Hessen schätzungsweise 1000 Menschen an den Auswirkungen der Hitzewelle gestorben. Unangenehme Folgen für die Gesundheit könnten auch Krankheitserreger haben, die bislang nicht in Hessen heimisch waren und nun ihr Verbreitungsgebiet nach Norden ausdehnen. Auch Allergikern droht Ungemach, denn eine längere Vegetationsperiode bedeutet, dass die pollenfreie Zeit schrumpft. Schönes Wetter tut eben nicht allen Menschen gut.


Verfasser: Verbraucherzentrale Hessen e.V.